Wer Verliebte nicht ehrt, ist des Verliebtseins nicht wert

Objektsexuelle lieben Objekte. Punkt.

Unsere Generation sei weiter als die unserer Eltern. Das findet zumindest eine Freundin meiner Mutter. Sie meint damit unsere Toleranz und Offenheit gegenüber dem Anderssein und unsere Haltung zu #allgender, #metoo und der #Ehefüralle. Ich verneine, weil es wie eine Ausrede klingt.

Wir sind nicht weiter. Ein Indiz dafür ist unser Zugang zu Liebe. Und der Annahme, dass Liebe zwischen zwei Menschen stattfindet. Mehrheitsmeinung scheint zu sein, dass ein liebendes Subjekt Gefühle, Zuneigung, sexuelle Phantasie auf ein geliebtes Objekt projiziert und all diese Gefühle und Begierden potenziell auf Gegenseitigkeit beruhten. Aber was, wenn das Objekt ein Objekt ist – eine Geige, ein Auto, eine Dampfmaschine oder das Brandenburger Tor. Menschen, die sich eben nicht in andere Menschen verlieben und dennoch von sich sagen: Ich bin verliebt. Ein Gefühl, das objektsexuellen Menschen niemand absprechen kann.

Der Codex der Gegenseitigkeit

Reaktionen auf das Thema Objektsexualität sind spannend bis verstörend. Nicht nur, dass Leidenschaft oft nicht ernst genommen wird, sondern viel schlimmer: Objektsexuellen wird gerne ein Fetisch unterstellt oder gleich eine psychische Krankheit attestiert. Scheinbar hängen wir an der Vorstellung, dass Liebe oder eine Liebesbeziehung interaktiv sein und erwidert werden muss. Vor allem muss sie aber erwidert werden können. Richtig gut fühlt sich Verliebtsein also nur an, wenn die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Das ist ein Codex unserer Sozialisation und Erziehung: befeuert durch tragische Geschichten der unerwiderten Lieben, die schlussendlich in das Happy Ending übergehen. Ein schlüssiges Argument für die Gegenseitigkeit gibt es hier aber nicht. Fakt ist doch aber: Ein Mensch, der sich in das Auto seiner Nachbarin verliebt und sagt, ich bin verliebt, der ist verliebt. Denn Verliebtsein ist reine Selbstzuschreibung.

Die Grenze der Ernsthaftigkeit

Selbstzuschreibung hat aber wenig Wert in einer Gesellschaft, in der Normen und Regeln über Liebe gelten. Sind sie common sense, sollen sie Bitteschön eingehalten werden. Die Ablehnung gegenüber Menschen, deren Liebesverständnis kein Gegenseitigkeitsgesetz kennt, ist vergleichbar mit der Ablehnung, die Menschen kennen, die aus dem binären Geschlechterverhältnis ausbrechen. Bricht ein gesellschaftlich festgelegter Bezugsrahmen weg, reagieren andere Menschen oft ablehnend, ängstlich oder wütend – so wie gefordert wird, sich für Frausein oder Mannsein zu entscheiden, wird von Objektsexuellen gefordert, es mal mit einem Menschen zu versuchen oder sich umgehend in psychologische Betreuung zu begeben. Diese Ablehnung findet sich selbst in Kreisen, in denen Menschen schlaue Gedanken und Visionen für gesellschaftliches und solidarisches Miteinander haben, als einfühlsam gelten und keine Gesellschaft anstreben, in der wir gut und gerne leben möchten. Objektsexualität scheint die Grenze der Ernsthaftigkeit zu sein oder besser gesagt: die Grenze dessen, was gesellschaftlich Ernst genommen wird.

Um der Freundin meiner Mutter zu antworten: Auch die hippe, aufgeklärte Studierenden-Brut aus Kreuzkölln stößt gewissermaßen an die goldene Decke des Toleranzvermögens, wenn der eigene Bezugsrahmen wegbricht. Wir sind nämlich nicht weiter als die Generation unserer Eltern: Auch uns sorgt, was wir nicht kennen. Nur kennen wir mehr.

 

Foto:

flickr // Dennis Skley // (CC BY-ND 2.0)

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Ilka hasst es, Texte über sich selbst zu schreiben. Viel lieber redet sie über sich und schreibt über andere(s). Sie verabscheut Smalltalk und findet Menschen gerade dann wunderbar, wenn sie unangebrachte Fragen stellen. Sie ekeln Menschen an, die der Feminismus anekelt, hat Angst vor der Zukunft und trennt Müll.
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