Im Akademiker-Flieger nach Palma de Mallorca

Der Ballermann hat einen schlechten Ruf. Zu Recht. Doch um schlechte Eigenschaften zu bewundern, muss man nicht nach Mallorca.

Es ist ein Freitagmorgen, Ende Mai, 4:15 Uhr. Ich mache mich auf dem Weg in den Berliner Süden zum Flughafen Schönefeld. Ziel: Palma de Mallorca. Mutig, mutig, sagen meine Freund_innen. Mit Billigairline nach Malle, du traust dich was. 

Für besonders tolerant halte ich mich nicht. Mit dem Reiseziel werde ich aber genau das aufbringen müssen, sagt mein Umfeld. Zumindest am Gate und im Flieger. Aber im Landesinneren sei es so wunderschön. Es soll beruhigen. Wie oft ich diesen Satz schon gehört habe. So rechtfertigt schließlich die Mehrheit der Mallorca-Urlauber_innen ihr Urlaubsziel. Aus Prinzip würde ich gerne auf das Landesinnere verzichten. Aber was dann? Bierkönig, Megapark? Außerdem treffe ich meine Familie auf der Insel.

„Wenn ich besoffen bin, bringt mich zu Eric“

Ich versuche das Reiseziel also mit Humor zu nehmen, möchte mir den einen oder anderen abwertenden Kommentar über „Malle ist nur einmal im Jahr“-Singende im Vorfeld aber nicht verbieten. Mein Mitreisender bringt meine Überheblichkeit auf den Punkt: „Keine Sorge, das wird schon ein Akademikerflug sein“, sagt er, während wir Richtung Gepäckabgabe schlendern. Überflüssig zu sagen: War es nicht. Kurz vor Boarding, der Mann vor mir dreht sich um. Er trägt ein T-Shirt, auf dem der Name eines Berliner Sportvereins steht. Er ist nicht der einzige mit diesem Shirt. Er reckt sich über meinen Kopf hinweg und ruft einem seiner zahlreichen Vereinskollegen zu: „Rauchen wa draußen noch eine?“ Ich muss grinsen. Das ist mir sympathisch: Auf dem Rollfeld noch schön ein Kippchen. Guter Gedanke. 

Die Cappy-dichte ist außergewöhnlich hoch, die Sonnenbrillen schon auf dem Kopf. Ich schaue mich um: Strohhüte mit bunter MALLORCA-Aufschrift, T-Shirts mit der Aufforderung „Wenn ich besoffen bin, bringt mich zu Eric“, Trikots mit der Lebensweisheit „Mein Alkoholverein hat ein Fußballproblem“ und natürlich „Ich bin Eric“. Kannste dir nicht ausdenken, denke ich und nehme die Stufen hoch in Richtung Flugzeug.

Bildung demonstrieren

In meiner Reihe sitzt ganz außen ein Mann. Er grüßt mich freundlich und bemerkt, dass es jetzt schon nach Alkohol rieche. 6:30 Uhr, läuft. Glück gehabt, denke ich: kein Assi. Ich sitze in der Mitte einer Dreier-Reihe. Ready for departure, die Armlehnen werden runtergeklappt. Ich mag diese Abgrenzung zwischen mir und meinem fremden Sitzbachbarn. Jetzt geht der Aushandlungsprozess los, vermute ich: in dem fremde Menschen ausloten, wieviel Platz jede_r auf der Armlehne bekommt, du weiter vorne, ich weiter hinten, kurzer Blickwechsel, alles klar. Mein vermeintlich freundlicher Sitznachbar handelt nicht aus. Seine männlichen Arme brauchen Platz. Mehr Platz als die Armlehne hergibt. Also reibt sich sein Ellenbogen an meinem seitlichen Bauch. Frech, denke ich, schiebe leicht zurück und nutze ab sofort jede noch so kleine Chance, sobald er sich bewegt. Er scheint die Lehne aber ausschließlich seinem Platz zuzurechnen. Ich habe mehr als alle anderen hier bezahlt, fluche ich in mich rein. Gab keinen günstigen Flug mehr, aber das Familientreffen stand längst fest. Ich werde wütend und packe Didier Eribons „Gesellschaft als Urteil“ aus. Ich lese aus Protest. Ich muss mich abgrenzen, denke ich. Ich bin nicht so wie die, ich bin nicht so wie er. Konzentrieren kann ich mich nicht, weil sich mir die Frage aufdrängt, ob Protest, den niemand versteht oder gar bemerkt, Protest sein kann. Und funktioniert Abgrenzung, wenn die anderen nicht merken, dass man sich von ihnen abgrenzt? Bildung demonstrieren, um zu demonstrieren – wie peinlich!

Der Kampf um die Armlehne

Dass ich manchmal überheblich bin, ist nicht neu, fühlt sich aber oft nicht gut an. So auch jetzt. Die Selbstverachtung steigt in mir auf und übernimmt langsam aber sicher das Wutgefühl, das ich eben noch empfunden hatte. Die anderen hier stehen wenigstens zu sich selbst, werfe ich mir vor. Die wollen nach Malle, saufen in der Schinkenstraße. Ich hingegen schäme mich, wenn ich auf der Arbeit gefragt werde, wo es in den Urlaub hin geht. Mir ist unangenehm, dass ich schon wieder mit dem Flugzeug in den Urlaub verschwinde – und dann auch noch Malle. Ich treffe mich mit meiner Familie, schiebe ich stets hinterher, um klar zu machen: Ich habe mir das nicht ausgesucht. Aber was willste machen? Familie und so. 

Unterdessen tobt der Krieg um die Armlehne. Das manspreading meines Sitznachbarn ärgert mich. Ich möchte dem Typ am liebsten sagen, dass er seinen scheiß Arm wegnehmen soll und ich brechen muss, wenn er mich noch ein einziges mal berührt. Ich entscheide mich dagegen. Obwohl jede seiner Bewegungen ausufernd ist und mich in meiner Bewegungsfreiheit einschränkt. Hinzukommt der süß-saure Geruch aus seinem Mund oder seinem Magen. Ich drehe mich weg. Ablehnung mag niemand, denke ich. Er bemerkt auch das nicht. Natürlich nicht. Also hasse ich weiter in mich rein. Er reckt immer mal wieder den Kopf in meine Richtung, um einen Blick aus dem Fenster zu erhaschen. Ich schiebe meinen Oberkörper weiter vor. Er wird während des Landeanflugs keinen Blick auf die Insel erhaschen. Ha! Diese kleine Genugtuung lasse ich mir nicht nehmen.

Rücksichtslosigkeit ist kein Bildungsproblem

Wir erreichen Palma um 9:30 Uhr. Viele um mich herum haben leicht einen sitzen. Beneidenswert, denke ich. Die Menschen, die nur zum Saufen her kommen, würden in Berlin vermutlich nicht zu meinem Freundeskreis gehören. Aber Typen, die auf Grund ihres Geschlechts oder ihrer Selbsteinschätzung oder generellen Rücksichtslosigkeit mit dieser „Ich nehme mir, was sich gut anfühlt“-Einstellung durchs Leben gehen, sind für Frauen und andere Mitmenschen genauso unerträglich. Wenn nicht sogar schlimmer. Keiner der Saufenden hat mich berührt oder von der Seite angelabert. Der Typ neben mir mindestens eine der zweieinhalb Stunden.

Er verabschiedet sich freundlich. Ich grummele, steige aus, hole den Mietwagen und fahre los. Ins Landesinnere: dorthin, wo es so schön ist. 

 

Foto:

flickr // Ariunbold Khuyag // (CC BY-ND 2.0)

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Ilka hasst es, Texte über sich selbst zu schreiben. Viel lieber redet sie über sich und schreibt über andere(s). Sie verabscheut Smalltalk und findet Menschen gerade dann wunderbar, wenn sie unangebrachte Fragen stellen. Sie ekeln Menschen an, die der Feminismus anekelt, hat Angst vor der Zukunft und trennt Müll.
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