Die goldene Jugend – zwischen Demokratie und Wahnsinn

Es ist immer gut einen Artikel mit einem Zitat zu beginnen, noch besser ist es, einen Artikel mit einem Wikipediazitat zu beginnen. Das wirkt dann so bodenständig, als würde man beweisen müssen, dass man mit der Recherche wirklich ganz am Anfang angefangen hat. Dabei beweist man nur, dass man eigentlich keine Ahnung hat.

Gibt man also jeunesse dorée bei Wikipedia ein, liest man von reaktionären jungen Männern des französischen Bürgertums, vom verfolgten Adel und von einer neureichen Schicht, die nach Ende der Terrors und der Hinrichtung Robespierres als Gegner der Jakobiner auftrat.

Auch aus Angst ihre gesellschaftliche Stellung zu verlieren, waren sie erbitterte Feinde des Totalitarismus der französischen Revolutionäre. Sie wollten sich ihre Freiheit nicht nehmen lassen, die ihnen ihr Wohlstand verschaffte. Zeitgenössische englische Mode wurde zu ihrem Markenzeichen. Sie trieben ihre Extravaganz ins Extreme und schreckten auch vor absurden Outfits nicht zurück.

Alles schon mal da gewesen

Wer spätestens jetzt noch nicht an die heutigen Hipster des globalisierten Bürgertums denken muss, war freitagabends noch nie in einem koreanischen Burgerladen in Berlin Mitte. Auch wir sind eine goldene Jugend. Und auch wenn wir es nicht zugeben wollen, sind wir wohlhabend, wir sind der akademische Adel der globalisierten Großstädte Westeuropas. Wir sind also da, wo Jens Spahn zu viel Englisch geredet wird.

Der Soziologe Ralf Dahrendorf spricht in diesem Zusammenhang von der „globalen Klasse“: junge Menschen, die genau wissen, wie sie die Globalisierung zu ihrem Vorteil nutzen. Die Menschen, die mit einer Reise nach Südostasien ihren ökologischen Fußabdruck vergrößern, wieder Zuhause aber nur Fair gehandelten Kakao aus Kenia kaufen. Die Menschen, die es zu schätzen wissen, dass man mitten in Berlin einen koreanischen Burger essen kann und die Menschen, die gemerkt haben, dass sich mitten in Berlin koreanische Burger vorzüglich verkaufen lassen.

Die fragile Freiheit der modernen jeunesse dorée

Und genau wie bei unseren französischen Vorfahren, sehen wir unsere Freiheit in Gefahr. In ganz Europa wachsen rechte bis rechtsradikale Bewegungen schneller als der deutsche Exportüberschuss. Und die verachten alles, was für uns, die moderne jeunesse dorée, selbstverständlich ist. Die AfD bezeichnet sich zwar selbst gerne als freiheitlich, meint damit aber im Kern nur die Freiheit, all das scheiße zu finden, was für uns progressive Werte sind.

Weil wir aber der moderne Adel sind, also die da oben, die in unseren akademischen Elfenbeintürmen in unsern urbanen Altbaupalästen sitzen, ist das revolutionäre Narrativ des Freiheitskämpfers plötzlich bei der AfD. Auch wenn es eigentlich nur um die Freiheit geht, Freiheit einzuschränken. Und plötzlich wollen alle mitmachen bei der Party. Zumindest mal auf ein Bier vorbei kommen, um den Partygästen zu zeigen, dass man ihre Ängste ernst nimmt. Die FDP ergreift Partei für Putin und hat Bedenken beim morgendlichen Brötchenkauf, die CSU holt die Kreuze aus den Kirchen und verschönert Vorhallen bayerischer Behörden.

Aber auch das vermeintlich linke Lager strotzt vor totalitären Tatendrang. Aus übereifrigem Anti-Imperialismus werden Autokraten hofiert, in deren Ländern Menschen wie wir verfolgt würden. Aus übereifrigem Antirassismus werden Ideologien verteidigt, die nach allen geltenden linken Maßstäben eigentlich höchst kritisierenswert sind. Ideologien, deren Menschenbild dem der AfD deutlich ähnlicher ist, als unserem. Viele Linke solidarisieren sich lieber mit einem Terrorregime, als mit der einzigen funktionierenden Demokratie im Nahen Osten.

Der Totalitarismus lebt in jedem von uns

Es gibt aber noch eine andere Bedrohung unserer Freiheit, eine die ganz perfide ist, die in uns selbst schlummert. Denn selbst wir aufgeklärten Religionskritiker_innen sehnen uns im Inneren nach dem Opium. Nach Glaubensgrundsätzen, denen wir blind folgen können. Wir suchen nach dem Sinn in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft, und wenn es nur die Leistung in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft ist. Gesundheit wird zum heiligen Gral der Generation Gerstensaft, politische Korrektheit zu Obsession der Oberschicht.

Für sich genommen sind die meisten dieser Ersatzreligionen zivilisatorische Errungenschaften, die unserer Welt besser gemacht haben. Politische Korrektheit oft das letzte Mittel für einen adäquaten Schutz der Freiheit von Individuen. Problematisch wird es aber, wenn wir mit unseren eigenen Ersatzreligionen missionieren gehen. Wenn wir es nicht aushalten, dass jemand anders handelt, als wir es für richtig halten. Moralisch ist dann nur, wer sich anpasst, sich an die vermeintlich selbst gewählten Regeln hält.

Wir fangen wieder an, Menschen zu trennen, in gut und böse, können dabei aber nie eine ausreichend objektive Instanz sein. Wir schließen aus, stigmatisieren und erheben uns über andere, um am Ende auf die anderen herabzuschauen. Wir schaffen uns unserer eigene totalitäre Weltsicht. Um  ein Zitat von Heribert Prantl völlig aus dem Zusammenhang zu reißen: „Die Freiheit kann auch an den Exzessen ihrer Verteidigung sterben.“

Demokratie ist immer nur Mittel zum Zweck 

Mehr als 70 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Nazis, also der längsten Friedenszeit in Europa seit der Wetteraufzeichung, ist immer noch nichts selbstverständlich, auch wenn es uns meistens so vorkommt. Gibt man Demokratie bei Wikipedia ein, dann liest man da von der Herrschaft des Volkes. In einer Zeit, in der aber jede dahergelaufene Protestbewegung proklamiert, das Volk zu sein, muss klar sein, dass Demokratie nie der Zweck selbst ist, sondern immer nur das Mittel.

Demokratie als bestes Mittel, die Werte zu garantieren, die man vielleicht unter dem abstrakten Überbegriff der Freiheit zusammenfassen kann. Sie wird bedroht, von innen und von außen, immer von rechts und manchmal von links und aus der Mitte sowieso. Aber keine Sorge, jetzt sind wir ja da.

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Foto:

flickr // Groman123 // (CC BY-SA 2.0)

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Gerrit Seebald

Am liebsten sitzt Gerrit in einem khaki grünen Overall auf einem Pickup und schießt dabei mit einer goldenen Kalaschnikow in die Luft. In seiner Freizeit verkauft er Waffen an afrikanische Warlords, Panzer an Saudi-Arabien und trennt keinen Müll.
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